Wer Zweifel sät – Die Wahrheit in der Krise

Wer Zweifel sät – Die Wahrheit in der Krise

Im Ringen um die öffentliche Meinung in der Coronakrise zeigt sich auch die Aktualität des 2010 erschienenen Buches „Merchants of Doubt“.

Der Krisenmodus der letzten Monate war ein Stresstest für unsere Gesellschaft, und das auf zu vielen Ebenen gleichzeitig: Für die Gesundheitssysteme und ihre Kapazitäten. Für das politische Handeln, welches auf Sicht fahren musste und Probleme hatte, dies klar kommunizieren zu können. Für das demokratische System, das darunter gelitten hat, dass einige „Lautsprecher“ es in Frage stellten. Aber auch für die Medien, die unter Hochdruck die Lage einschätzen, Daten interpretieren und für die Bevölkerung allgemeinverständlich einordnen mussten. Und nicht zuletzt für den Bereich, dessen Arbeit und vor allem dessen Methoden nicht immer so im Scheinwerferlicht stehen: Die Wissenschaft.

Außer Atem

In dieser zugespitzten Situation zeigte sich für alle Bereiche, wie wichtig es gerade in der Krise ist, Handeln öffentlich und allgemeinverständlich zu erklären und rechtfertigen zu können. Eigentlich eine Binsenweisheit für Politiker oder im Unternehmen, die sich doch heutzutage permanent in der Gefahr eines Shitstorms befinden. Eine klare Kommunikation und deutliche Botschaft kann über Erfolg und Misserfolg von politischen Maßnahmen entscheiden. Nur muss der Boden der Resonanz, auf den die Botschaft fällt, bereitet sein – die Bevölkerung muss einen gewissen Aufklärungsgrad und auch Wissensstand aufweisen. Dieser Wissensstand muss immer wieder neu erkämpft werden.

In den letzten beiden Jahrzehnten allein erlebten wir Krisen von außerordentlicher Komplexität und mit unkontrollierbaren Folgen – den 11. September, Finanz- und Eurokrise, syrischer Bürgerkrieg, islamistischen Terror, zunehmender Rechtspopulismus und -extremismus, Flüchtlingskrise und nun die Pandemie. Da wir uns eigentlich in einem permanenten Krisenzustand befinden, erwarten wir nun immer mehr, dass uns Experten die Welt erklären und auch sagen, wie wir handeln und uns verhalten sollen.
            

Nehmen die Krisen zu? Es kommt wohl eher auf die Perspektive an, ob man sich im Zentrum der Krise befindet, an ihrer Peripherie oder am anderen Ende der Welt. Viele ältere Menschen im Westen sehnen sich nach der Stabilität der Nachkriegszeit mit seinem Wirtschaftswunder. Aber über dieser vermeintlichen Stabilität lag doch auch der Schatten der Atombombe. Sogar das „Ende der Geschichte“ wurde in den 1990er Jahren nach dem Fall der Mauer und dem Untergang der Sowjetunion ausgerufen. Aber waren da nicht auch Bosnien, Tschetschenien und Ruanda? Überhaupt Afrika: Dieser große, vielseitige Kontinent, der mehr ist als einfach nur „Afrika“, wird doch leider fast nur über Krisen, Krieg und Armut wahrgenommen. Und doch gibt es dort auch viel zu viele Konflikte und Missstände, was nie für ein „Ende der Geschichte“ sprach. Schon klar, was mit dem „Ende“ gemeint war – verkürzt gesagt der endgültige Sieg des kapitalistischen Systems. Und ja, gesiegt hat er irgendwie, aber besser wurde es dadurch nicht, im Gegenteil. Nur entscheiden die Menschen darüber, ob sie sich subjektiv in der Krise befinden, je nachdem wie nah die Einschläge kommen. Als die Geflüchteten in Massen kamen, wurde man sich plötzlich bewusst, dass Krisen am Ende der Welt sich auch hier auswirken. Im Kalten Krieg war es, natürlich stark vereinfacht gesagt, fast umgekehrt: Die Atomwaffen der USA und der UdSSR strahlten aus, ohne gezündet worden zu sein – in die Urwälder des Kongo, die Gebirgszüge am Hindukusch und in die öldurchtränkten Wüsten des Nahen und Mittleren Ostens.

Globale Interdependenzen gab es schließlich schon lange vor der neueren Geschichte. Die Wiege einer neuen Intensität dieser Verflechtungen liegt im Kolonialismus, hat sich dann endgültig Bahn gebrochen kurz vor, während und unmittelbar nach den beiden Weltkriegen. Was natürlich stark zugenommen hat, sind die weltweiten politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen und die Abhängigkeiten, die sie erzeugen, sei es über supranationale Gebilde wie UN, EU oder G7, oder über Handelsabkommen, Schulden und Lieferketten.

 Auch immer präsent gewesen, aber durch die Schnelligkeit des Medienzeitalters und der digitalen Kommunikation stark aufgebläht, ist der „Stamm der Experten“, wie der Anthropologe Thomas Hüsken mal die Akteure deutscher Entwicklungszusammenarbeit nannte.[1] Diese kommen in ein Land und versuchen mit der Brechstange etwas zum Positiven zu ändern. Die Experten, unter denen ich nicht nur die der Entwicklungszusammenarbeit fassen möchte,  sondern all jene, denen zu Recht oder Unrecht seitens der Medien „Expertise“ bescheinigt wird, treten immer dann in Erscheinung, wenn es komplexe Problematiken zu erklären gilt, die kaum noch einer versteht, der nicht das Fachgebiet studiert hat. Die Krisen werden schließlich immer unübersichtlicher für die meisten von uns und nehmen durch den ständigen Informationsfluss gefühlt zu. Dies für alle zu übersetzen, ist eine Kunst für sich. Wer außer den Finanzexperten kann noch erklären, warum in 2007 Collateral Debt Obligations und faule Hypothekenkredite in den USA weltweit zu so einem Problem wurden? Warum Milliarden in too big to fail– Banken gepumpt werden mussten, denen mitunter sogar kriminelles Fehlverhalten nachgewiesen worden war, während Menschen in den USA massenhaft in die Obdachlosigkeit getrieben wurden und Staaten wie Griechenland in die Zahlungsunfähigkeit gerieten?

Nur leider vergisst man oft, dass diese Experten meistens ihre eigene Agenda verfolgen. Die großen Fragen der Zeit beantworten die von den Medien herangezogenen „Experten“ gerne allzu unterschiedlich, zu oft gemäß den eigenen ideologischen Vorlieben. Beispiel Finanzkrise: Der Finanzexperte der Bank ist zwar geübt, den Markt zu analysieren, tut dies aber immer als Angestellter eines Finanzinstituts, schaut also genau auf die Risiken für deren Geschäft und gibt uns allzu gern diese Perspektive. Genauso muss man Josef Ackermanns Beratungstätigkeiten für die Bundesregierung während der Finanzkrise sehen, was nicht heißen soll, dass seine Expertise als Vertreter der größten deutschen Bank nicht notwendig war. Der Vertreter einer NGO analysiert dies alles aus einer sicherlich moralisch ehrenwerten Perspektive humanitärer Notwendigkeiten, der Politiker argumentiert nach parteipolitischen Interessen. Neutralität gibt es nicht, hat es nie gegeben. Wie damals auf dem Schulhof ist also der der Anführer, der die lauteste Klappe hat, nicht immer notwendigerweise der, der die besten Argumente hat.

Wie der Zweifel in die Welt kommt

Hilfreich zum Verständnis der gegenwärtigen Lage ist das Buch „Merchants of Doubt– How a handful of scientists obscured the truth on issues from tobacco smoke to global warming“ der beiden Wissenschaftshistoriker Naomi Oreskes und Erik M. Conway“[2]. Bereits 2010 erschienen, ein Jahrzehnt bevor Corona in unsere öffentliche Wahrnehmung tritt, bietet es wertvolle Erkenntnisse für die derzeitige Krise. Die Autoren zeigen hier konkret, wie öffentliche Meinung manipuliert wurde, hauptsächlich angetrieben von bestimmten Industrien, die ihre Gewinninteressen gefährdet sahen. Häufig geschah dies dadurch, dass sie öffentlich wissenschaftliche Erkenntnisse anzweifelten, ohne dafür irgendwelche Grundlagen zu haben. Ein Verfahren, das unter anderem viele Rechtspopulisten übernommen haben, siehe Klimadiskussion. Ist der Zweifel in der Welt, verschwindet er nicht so leicht, nicht aus den Köpfen und noch weniger aus dem Internet.

In der derzeitigen Diskussion um richtiges oder falsches Verhalten in der Pandemie spielt der Zweifel eine tragende Rolle. Die Auseinandersetzungen in der Wissenschaft über die richtigen Maßnahmen sind ein normaler Vorgang, allerdings zeigt sich deutlich, wie schwierig es ist, wissenschaftliche Wahrheitssuche für die Allgemeinheit verständlich zu kommunizieren. In den Medien finden sich viele Beispiele, wie sachlich und ausgewogen über die Pandemie berichtet wurde. Teilweise trugen Medien jedoch auch zur Polarisierung bei, man denke an die Bild-Zeitung und ihr künstlich erzeugter „Virologenstreit“. Dazu später mehr.
             

Als Pionier der Strategie der Meinungsmanipulation und für das Säen von Zwietracht in der wissenschaftlichen Community bezeichnen die Autoren von „Merchants of Doubt“ die Tabakindustrie. Diese, trotz eindeutiger Belege der Gesundheitsgefährdung ihrer Produkte, immer noch hochprofitablen Unternehmen wehrten sich heftig, als bewiesen wurde, wie gefährlich das Rauchen und auch der passive Konsum von Tabakrauch ist. Big Tobacco, wie man die wenigen großen Tabakunternehmen nennt, startete großflächige PR-Marketingkampagnen, intensivierte politische Lobbyarbeit und diskreditierte systematisch seriöse Wissenschaftler. Falschinformationen wurden über die Medien verbreitet und eigene „Forschung“ finanziert. Das geschieht auch heute noch. Andere Unternehmen wie zum Beispiel Bergbau- und Ölfirmen, die in die öffentliche Kritik gerieten, weil sie die Umwelt verschmutzen und zum Klimawandel beitragen, kopierten die Strategien der Tabakindustrie. Häufig waren sogar die gleichen Akteure federführend, die von den Industrien bezahlt wurden: Aktive oder ehemalige Wissenschaftler, oft mit einer fast religiösen Hingabe an die Ideologie des freien Marktes, und gerne glühende Antikommunisten.  Sie wurden so zu Lobbyisten, kritisierten im Auftrag der Industrie und von Regierungsstellen unangenehme wissenschaftliche Wahrheiten. Sie verfassten eigene Studien oder nahmen Einfluss auf die Forschung anderer, häufig als Teil interdisziplinärer Autorenteams. Dabei sprangen sie problemlos von einer Branche zur anderen, saßen in denselben Think Tanks, die oft eigens von den Unternehmen hierfür gegründet worden waren.

Das Buch analysiert vor allem die US-amerikanischen Diskussionen der letzten Jahrzehnte hinsichtlich globaler Probleme wie dem Ozonloch, saurem Regen, den Auswirkungen von Passivrauch und dem Klimawandel. Sein Erkennntnisgewinn lässt sich aber mühelos auf die aktuelle Situation und entsprechende Diskurse übertragen. Zum einen natürlich auf die Wissenschaftsfeindlichkeit von Donald Trump und seiner Regierung, die in dieser Hinsicht an die Reaganzeit erinnert, aber noch um einiges radikaler und leider auch unbedarfter auftritt. Dies zeigt sich bei Trump darin, dass er zum Beispiel die Ursachen des Klimawandels öffentlich in Frage stellt – dass dieser menschengemacht ist, bestreitet aus der Wissenschaft eigentlich niemand mehr. Es reicht einfach nur, wenn jemand mit einer Reichweite wie Trump den Zweifel in die Welt trägt und prompt fühlen sich viele in ihren Ängsten, Vorurteilen und Weltbildern bestätigt. Besonders verheerend wird das Ganze, wenn solche Ansichten konkrete Auswirkungen auf das politische Handeln haben, wie der Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaabkommen oder die Degradierung und Unterfinanzierung der amerikanischen Umweltbehörde, der Environmental Protection Agency (EPA). In einem aufschlussreichen Kapitel von „Merchants of Doubts“ legen die Autoren dar, wie die EPA kurioserweise unter Nixons Präsidentschaft und nicht zuletzt unter dem Eindruck von Rachel Carsons Bestseller „Silent Spring“[3] von 1962 gegründet worden war und immer wieder von „alternativen“ Wissenschaftlern unter Beschuss geriet. „Silent Spring“ wurde zum Klassiker der amerikanischen Umweltbewegung mit weltweiter Ausstrahlung, weil es zum Verbot des Pestizids DDT wegen der Gefahren für Mensch und Umwelt geführt hatte. Der Umweltbewegung wurde damit ein wichtiges Signal gegeben, nämlich dass es erfolgsversprechend sein kann, für die Umwelt über regulatorische Maßnahmen und gesetzliche Verbote zu kämpfen. Rachel Carson wurde so zum roten Tuch der Neoliberalen, die auch noch Jahrzehnte nach Erscheinen des Buches versuchten, sie und ihr Werk zu diskreditieren.

Kämpfe um Deutungshoheit

 
Im Zuge der Coronapandemie lässt sich ähnliches beobachten: Was passiert, wenn Wissenschaft medial unter Beschuss gerät. Wie schwierig es ist, die Methoden und Erkenntnisprozesse der Wissenschaft mit ihrem hohem Komplexitäts- und Abstraktionsgrad in eine Sprache zu übersetzen, die die Allgemeinheit versteht. Und noch schwieriger: Ihre Erkenntnisse in politisches Handeln zu übertragen. Die gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurse um Corona, die durchzogen sind von allen möglichen Verschwörungstheorien und schnelle Verbreitung über soziale Netzwerke finden, zeigen, wie wenig darüber bekannt ist, wie wissenschaftliche Arbeit und die um sie auftretenden Diskurse in der wissenschaftlichen Community funktionieren. Oft werden Theorien in jahrelangen Prozessen getestet und erforscht, in peer reviews auseinandergenommen und hart kritisiert, bis sich endlich evidenzbasierte Erkenntnisse überhaupt herausbilden.

Die Wucht, mit der die Pandemie die Gesundheitssysteme, unsere wirtschaftlichen Existenzen und teilweise die gesellschaftliche Ordnung bedrohte, verlangte allerdings nach raschen Antworten und zügigen Reaktionen, obwohl man noch viel zu wenig über das Virus wusste. Trotz schwacher Datenlage verlangten Bevölkerung und Politik umgehend konkrete Handlungsanleitungen. Damit taten sich die Epidemiologen verständlicherweise schwer, weil es nicht ihrer Arbeitsweise entspricht, vorschnelle Schlussfolgerungen zu ziehen, wenn sie zu wenig wissen. Zudem wussten sie, dass ihre Aussagen enorme soziale und wirtschaftliche Auswirkungen zur Folge haben würden und sind es zudem nicht gewohnt, politische Handlungsanweisungen aus ihren Erkenntnissen abzuleiten.       

Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité, hat dies mehr als einmal deutlich gemacht. Der reguläre wissenschaftliche Weg des Erkenntnisgewinnes war für die Krise zu langsam, schnell mussten Antworten her. Dass die Auseinandersetzungen, die vielleicht fruchtbarer gewesen wären, hätte man sie wie gewohnt intern diskutiert, diesmal auch öffentlich über die Medien ausgetragen wurde, erweckte den (falschen) Eindruck, dass hier ein Art Endkampf um die Wahrheit stattfindet, zugespitzt von den Medien mit den verkürzten, reißerischen Schlagzeilen. Man fühlte sich dadurch gedrängt, Positionen zu beziehen und hatte dafür kaum fundiertes Wissen, sondern nur diffuse Ängste, verstärkt aus den stressigen und einschränkenden Erfahrungen im Lockdown. Die Bild-Zeitung hat sich in der Polarisierung und Schwarz-Weiß-Malerei ganz besonders hervor getan. Vor allem Drosten, der der sichtbarste und prominenteste Virologe ist und zudem die Kanzlerin und ihr Kabinett berät, war ihr bevorzugtes Opfer. Er persönlich wurde von der Bild-Zeitung quasi für einen unnötigen Lockdown und all seine Konsequenzen verantwortlich gemacht.

Darüber kann man nur den Kopf schütteln, machten die Wissenschaftler doch nur das, was sie immer machen: Sie veröffentlichen Studien oder äußern sich über die Studien anderer, die im Falle Coronas zunächst nicht mehr als reine Hypothesen waren, da die Datenbasis zu dünn oder schlicht nicht vorhanden war. Solche Theorien und vorläufige Studien werden kritisiert, korrigiert, überarbeitet usw. Irgendwann viel später hat man die Methoden, Modelle und Erkenntnisse, die sich als richtig erweisen und zum Konsens werden, und sich schließlich in Handeln übertragen lassen. Also haben die Wissenschaftler alles richtig gemacht. Das Problem war allerdings (und ist es noch), dass diese Forschung unter erheblichen Druck in der Öffentlichkeit ausgetragen wurde. So wie es 80 Millionen Bundestrainer gibt, gibt es plötzlich 80 Millionen Epidemiologen.

Die Attacke der Bild-Zeitung auf Drosten lässt sich im Sog des in „Merchants of Doubt“ beschriebenen Vorgehens lesen. Alternative Wissenschaftler oder aus den Zusammenhängen gerissene Zitate wurden lanciert, um Drosten zu diskreditieren. Zitierte Wissenschaftler ruderten daraufhin zurück oder machten deutlich, dass Kritik zum Kerngeschäft ihrer Arbeit gehört, um zu tragbaren wissenschaftlichen Ergebnissen zu kommen, nicht für die Öffentlichkeit gedacht sind oder in komplexen Zusammenhängen gesehen werden müssen. Die gesamte epidemiologische und virologische Wissenschaftscommunity stand plötzlich im Scheinwerferlicht der Medien, wo sie sich erstmal zurecht finden musste. Vor allem Drosten wurde hier hart in die Mangel genommen, dabei hatte vor allem er die Forschung wie kein anderer vorangetrieben und zudem dem Wissenschaftsjournalismus mit seinen Podcasts und Einschätzungen auf allen Kanälen eine Sternstunde beschert, indem er ein  komplexes Phänomen allgemeinverständlich erklärte, sich immer wieder korrigierte, wenn er neue Einsichten hatte und auch deutlich machte, dass man eigentlich noch gar nichts wisse, sondern nur vermute.

Marktplatz Wissenschaft

Den Klimawandel bestreitet die Bild-Zeitung zumindest nicht. Dass dieser menschengemacht ist, ist schon seit Jahrzehnten bekannt und wissenschaftlich unumstritten, auch wenn manche mit leider viel zu viel Resonanz anderes behaupten. Doch auch hier dauerte es Jahrzehnte, bis es deutlich wurde, dass der Mensch wirklich den größten Teil zur Erderwärmung beiträgt: Die Wissenschaft musste das Phänomen zunächst ausgiebig studieren und belegen. Dass die Politik hier bereits viel früher hätte handeln müssen, ist klar. Dass sie dies nicht tat, ist gewiss nicht allein der Wissenschaft zu zuschreiben. Nochmal: Wissenschaft forscht und erarbeitet Erkenntnisse über komplizierte Prozesse, dabei kommt es zu Fehlurteilen, man biegt falsch ab, was wiederum auch Erkenntnisse produzieren kann. Jedenfalls haben auch bei dieser Diskussion einzelne Wissenschaftler, Unternehmen, Denkfabriken und Regierungsstellen starken Einfluss ausgeübt, um Erkenntnisse von vielen anderen Wissenschaftlern zu unterlaufen und damit politisches Handeln zu beeinflussen, und tun dies auch heute noch. Dies hatte das Ziel, den freien Markt zu schützen und jegliche Regulierung zu unterbinden. Das war ganz im Sinne Reagans, mit Thatcher der Apologet des freien Marktes. In seine Amtszeit fielen viele der im Buch beschriebenen Auseinandersetzungen. Seinen Überzeugungen nahestehende Personen setzten sich unermüdlich für weniger Staat ein, sei es bei der Diskussion über das Ozonloch, über sauren Regen, oder auch zu den militärstrategischen Initiativen wie das Star-Wars Programm während des Kalten Krieges.

Nach der Krise ist vor der Krise


„Merchants of Doubt“ erzählt die Geschichte hinter diesen Angriffen auf die Wissenschaft. Ohne Corona zu behandeln, liefert das Buch interessante Einsichten für unsere pandemische Zeit. Menschen agieren schnell skrupellos und dehnen die Wahrheit, soweit es geht, wenn es um eigene Interessen geht. Sie scheren sich wenig um die Gesundheit der Menschen, verschmutzen die Umwelt und haben intelligente Abwehrstrategien gegen ihre Kritiker entwickelt. So weit, so bekannt. Darüber hinaus aber decken die Autoren die umfassenden Abwehr- und Angriffsstrategien von Unternehmen auf, die in die Kritik geraten sind. Diese Strategien nachzuzeichnen, hilft uns zu verstehen, welche Mechanismen auch heute am Werk sind. Das ist ein großes Verdienst der Autoren. Denn die Erfahrungen aus der Coronakrise werden sicherlich nicht die Defizite unseres Wirtschaftssystems beseitigen, auch wenn deutlich wurde, wie glücklich wir uns schätzen können, einen funktionierenden Sozialstaat und öffentliche Gesundheitsfürsorge zu haben. Ein Blick hinüber in die USA zeigt uns immer wieder, wie wichtig das ist. In vielen Ländern haben Unternehmen in der Coronakrise zudem intensive Lobbyarbeit betrieben, was verständlich ist angesichts des wirtschaftlichen Einbruchs. Konjunkturprogramme, Steuersenkungen – alles Mögliche forderten die Unternehmen. Manches zu recht, manches nicht, wie zum Beispiel die überflüssige Abwrackprämie. Unser alter Bekannter Big Tobacco mischte weltweit eifrig mit, forscht zum Beispiel medienwirksam nach einem Impfstoff gegen Corona.[4] In Südafrika drohte  British American Tobacco damit, die Regierung zu verklagen, um den Verkaufsstopp von Tabakprodukten während der Ausgangssperre aufzuheben.[5] Fake News wurden verbreitet –  unter anderem helfe Nikotin gegen Corona[6], obwohl die WHO bereits vor schweren Krankheitsverläufen bei Tabakkonsum warnte[7].

Vielleicht wird die Krise in einzelnen Sektoren doch etwas bewirken und wir lernen ein besseres Krisenmanagement und sind einfach besser vorbereitet. Warnungen vor Pandemien gab es ja genug. Vielleicht haben wir dabei auch wieder Luft für die andere große Krise, die über uns hängt. Sie bedroht uns noch viel stärker, kommt aber noch auf leiseren Sohlen daher: Die Klimakrise. „Merchants of Doubt“ zeigt, wie hart ihre Deutung in der Vergangenheit bereits umkämpft war. Das ist sie leider immer noch. Während wir debattieren und viel zu kleine Schritte machen, zu oft noch in die falsche Richtung dazu, schleicht sie voran. Sie wird unsere Leben auf den Kopf stellen, selbst wenn wir es schaffen sollten, uns über Migration und Technologie anzupassen. Doch selbst wenn das gelänge: Welchen Preis werden wir bis dahin gezahlt haben?


[1] Thomas Hüsken, Der Stamm der Experten. Rhetorik und Praxis des interkulturellen Managements in der deutschen staatlichen Entwicklungszusammenarbeit, Bielefeld 2006.

[2] Naomi Oreskes u d Erik M. Conway, Merchants of Doubt. How a handful of scientists obscured the truth on issues from tobacco smoke to global warming, New York 2010.

[3] Rachel Carson, Silent Spring, New York 1962.

[4] Mark Sweney, British American Tobacco working on plant-based coronavirus vaccine, in: The Guardian, 1.4.2020, https://www.theguardian.com/business/2020/apr/01/british-american-tobacco-plant-based-coronavirus-vaccine?CMP=share_btn_tw

[5] BAT South Africa urges government to lift cigarette sale ban, in: „Reuters“ 4.4.2020, https://www.reuters.com/article/health-coronavirus-safrica-brit-am-tobac/bat-south-africa-urges-government-to-lift-cigarette-sale-ban-idUSL8N2BS0F8.

[6] Stephen Khan, Does nicotine prevent us against coronovirus?, in: „The Conversation“ 6.5.2020, https://theconversation.com/does-nicotine-protect-us-against-coronavirus-137488.

[7] WHO Statement: Tobacco use and COVID-19 in www.who.int, 11.5.2020, https://www.who.int/news-room/detail/11-05-2020-who-statement-tobacco-use-and-covid-19.

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