„Harte Jahre“: Vargas Llosa erzählt die Geschichte Guatemalas rund um den Putsch von 1954

„Harte Jahre“: Vargas Llosa erzählt die Geschichte Guatemalas rund um den Putsch von 1954

In seinem neuen Roman erinnert Mario Vargas Llosa daran, wie Guatemala Anfang der 1950er Jahre zum Spielball politischer und wirtschaftlicher Interessen wurde: Die USA fürchteten das Schreckgespenst des Kommunismus in ihrem Hinterhof, der Bananenmulti United Fruit sah durch soziale Reformen seine Gewinne bedroht. Die Folgen ihrer Reaktionen bewegen die Politik und Geschichte des Landes bis heute.

„Harte Jahre“ (original: „Tiempos recios“) heißt der Roman des 84-jährigen Literaturnobelpreisträgers aus Peru, neben García Márquez und vielleicht noch Borges der lateinamerikanische Großschriftsteller, Verfasser unzähliger Romane und Essays. Vargas Llosa ist eigentlich immer am besten, wenn er politische Geschichte erzählt, obwohl seine marktliberalen, konservativen Ansichten gerade im lateinamerikanischen Kontext oft  reaktionär wirken, entsprechend umstritten ist er. Allerdings muss man ihn angesichts der derzeitigen rechtspopulistischen Akteure, die die politische Bühne Lateinamerikas nun bespielen, fast schon in Schutz nehmen: Sein Liberalismus war, zumindest von seinem Ideengebäude her gesehen, nie dieser eiskalte Neoliberalismus, der den Kontinent so ungemein beschädigt hat. Vargas Llosa bewegt sich weit weg von den (Anti-) Ideologien rechtsgerichteter Militärs und reaktionärer Freihandels-Apologeten. Sicherlich hat er sich stark gegen die linken Strömungen der letzten Jahre abgegrenzt, deren Zeit nun auch vorbei scheint, sei es durch Abwahl oder durch Entzauberung  durch  das Klammern an Macht mittels Verfassungsänderungen und autoritärem Gehabe (Correa in Eucador, Morales in Bolivien, Ortega in Nicaragua). Allerdings hat er auch nie unter Beweis stellen müssen, wie er realpolitisch im schwierigen Interessensgefüge Perus gehandelt hätte –  eine Kandidatur für das Präsidentenamt Perus im Jahr 1990 verlor er,  der unglückselige Fujimori übernahm und prägte das Land für ein Jahrzehnt, leider nicht zum Positiven.

Vargas Llosa schrieb also weiter und widmet sich nun Guatemala. Mit „Harte Jahre“ legt er auch eine Art Rückbesinnung auf seine jugendlichen, damals noch linksorientierten Überzeugungen vor (wie er in seiner intellektuellen Autobiografie „Der Ruf der Horde“ schreibt, war er in seiner Jugend vom Marxismus und Existenzialismus geprägt und sogar ein Anhänger der kubanischen Revolution). Der Roman rekapituliert die Zeit um das Ende der von Reformversuchen geprägten Präsidentschaft von Jaboco Árbenz und ihrem gewaltsamen Ende durch Castillo Armas, einer Marionette der USA im Kampf gegen ein vermeintliches kommunistisches Regime in Mittelamerika. Die Ereignisse im Guatemala der 1950er Jahre erschütterten damals nicht nur dieses kleine, tropische Land mit seiner grandiosen Natur und seinem kulturellen Reichtum. Sie hatten große Auswirkungen auf die Region und prägten alle möglichen politischen Akteure auch jenseits Guatemalas nachhaltig. Fidel Castro und Che Guevara zum Beispiel schlossen gerade aus der Erfahrung Guatemalas, dass die kubanische Revolution nur zum Preis der kompletten Abschottung gegen die Übermacht der USA zu verteidigen sei.

Die Bewunderung des Vargas Llosa für den Politiker Jacobo Árbenz, der als Präsident von Guatemala von 1951-54 eine so linke, sozialistische Idee wie eine Agrarreform in Guatemala durchführen wollte, wird im Roman überdeutlich. Vargas Llosa rettet sich allerdings vor dem Vorwurf, nun doch wieder linken Ideen anzuhängen, indem er Árbenz jegliches sozialistisches  Ideengut abspricht, womit er nicht falsch liegt. Árbenz wollte in Guatemala eine liberale Demokratie nach dem Vorbild der USA einführen. In der Armut der größtenteils indigenen Maya-Bevölkerung und ihrer massiven Ausgrenzung vom Landbesitz sah er richtigerweise das größte Hindernis für die Umsetzung von Demokratie und Gerechtigkeit. Das meiste Land gehörte damals der United Fruit Company, die heute als Chiquita bekannt  ist  und immer noch den Markt mit Bananen dominiert. Árbenz handelte nun auch nicht wirklich sozialistisch, wenn er versuchte, Landbesitz gerechter zu verteilen. Er ordnete zwar die Enteignung von Ländereien der United Fruit an, allerdings nur solcher, die sowieso brach lagen. Trotzdem eine Maßnahme, die in den Augen der wirtschaftlichen Elite des Landes und der USA eine eindeutig sozialistische Handschrift trägt – der Kalte Krieg mit der Sowjetunion und seinen vielen Stellvertreterkonflikten hatte gerade begonnen.

Vargas Llosa erzählt im Stil der politischen Reportage: Er zeigt auf, wie es zum Putsch kam, beschreibt dabei spannend und detailliert seine Vorgeschichte und den tatsächlichen Ablauf. Im zweiten Teil des Buches entwickelt er dann einen Roman um die entscheidenden Protagonisten und Nebenfiguren des Putsches, wobei er fiktionale Elemente mit wahren Begebenheiten durchmischt. Er bringt den Lesern damit diese längst vergessene Geschichte ins Bewusstsein, deren Auswirkungen für das Land heute immer noch prägend sind. Guatemala erlebte in der Folge des Putsches wechselnde Diktaturen, einen drei Jahrzehnte dauernden Bürgerkrieg, versinkt immer weiter in Armut und Korruption. Was also war in Guatemala genau passiert?

Bananenrepublik 1.0

La Frutera wurde die United Fruit Company in Guatemala genannt, oder auch „die Krake“, weil sie überall tentakelhaft ihre Finger drin hatte und vor allem politisch starken Einfluss hatte. Die Interessen dieses Unternehmens richteten sich, natürlich, ausschließlich auf ihren Profit. Gleich zu Beginn des Romans macht Vargas Llosa dies überdeutlich, indem er zwei reale Figuren einführt, die in der weiteren Geschichte des Romans nicht mehr vorkommen, aber die Grundlagen für alles weitere legen: Edward L. Bernays und Sam Zemurray. Bernays ist der smarte Public Relations-Star, der mit seinem Werk „Propaganda“ ein theoretisches Grundlagenwerk moderner Öffentlichkeitsarbeit schuf und damit politische Kampagnen, Kriegsführung und Werbung steuerte und beeinflusste. Zemurray hingegen ist  der klassische, skrupellose Selfmademan, der die United Fruit Company mit seinen eigenen Händen im Dschungel zum Geschäftsimperium aufgebaut hat. Zemurray engagiert Bernays als PR-Berater, um das ramponierte Image seiner Firma aufzupolieren. Bernays entwickelt daraufhin einen Schlachtplan, der sich nicht darauf beschränkt, Imagekorrekturen des Unternehmens durch soziale Projekte vorzunehmen, wie es häufig heutzutage der Fall ist, wenn Unternehmen in der Kritik stehen. Nein, er reißt sozusagen die ganze politische, progressive Landschaft in Guatemala ein, um die Interessen der Firma zu sichern. Es ist ein zerstörerisches Meisterwerk Bernays, der Psychologie und Propaganda vermischt, um Medien zu manipulieren und die Politik der USA gegenüber Zentralamerika zu beeinflussen. Dazu dient ihm das Schreckgespenst des Kommunismus, das er gezielt in den Köpfen amerikanischer Politiker und sogar linksliberaler US-Medien beschwört. Die Regierung von Jacobo Árbenz und ihre Politik werden von ihm als kommunistisch gebrandmarkt, Guatemala sei bereits ein Außenposten der Sowjetunion. Dabei ist sich Bernays bewusst, dass dies so gar nicht der Fall ist, die kommunistische Gefahr schätzt er als nicht vorhanden ein. Darauf kommt es ihm aber nicht an. Wichtig ist, dass alle denken, diese Gefahr bestünde, und geschickt schafft er es, mittels klassischem Lobbyismus die entscheidenden Schrauben bei den relevanten Personen zu drehen. So weit, dass der damalige US-Präsident Eisenhower schließlich eine verdeckte Intervention mit Hilfe der CIA anordnet, aus Sorge um einen sich vermeintlich ausbreitenden Kommunismus im Hinterhof der USA.

Die Geschichte Guatemalas ist voll von Interventionen und Eroberungen fremder Mächte. Seit der Kolonisierung Amerikas durch die Spanier hat dabei vor allem die indigene Bevölkerung unter Unterdrückung und Ausbeutung gelitten. Seit 1839 ist Guatemala ein eigenständiger Staat. Es folgten Diktaturen, erst von klerikal-konservativer, dann von liberaler Seite. Während der liberalen Diktaturen erfolgte die Anbindung Guatemalas an den Weltmarkt durch den Aufbau der Kaffee- und Bananenproduktion. Dies dauerte an bis in die 1940er Jahre, wobei die wirtschaftliche Macht in den Händen von Großgrundbesitzern und der amerikanischen United Fruit Company lag.

Das Land, das ursprünglich im Besitz der Mayas gewesen war und das sie kollektiv bearbeitet hatten, wurde zu Plantagen umgewandelt. Die Mayas mussten unter feudalen Bedingungen arbeiten. Dieses Muster existiert bis heute. Das Landproblem ist immer eines der dringlichsten Probleme und Grund für Konflikte gewesen, da Land nicht nur in ökonomischer Hinsicht für die Mayas lebenswichtig ist, sondern aus ihrer Sicht auch eine immense kulturelle Bedeutung innehat.

1944 dann der Hoffnungsschimmer: Es begann die bis dahin einzige demokratische Periode in der Geschichte des guatemaltekischen Staates, die so genannte „Dekade des Frühlings“: Durch demokratische Volksbewegungen und Massenproteste wurde die „Diktatur der 14 Jahre“ unter Jorge Ubico (von 1931 bis 1944), unter dem jegliche oppositionelle Bewegungen niedergeschlagen worden waren, beendet. Eine neue Verfassung von 1945 ermöglichte freie Wahlen. Der erste frei gewählte Präsident Juan José Arévalo und besonders sein Nachfolger Jacobo Árbenz vertraten dann eine Politik mit sozialem Charakter. Árbenz, der Teil jener Bewegung war, die Ubico gestürzt hatte, wollte die herrschenden halbfeudalen Strukturen des Landes aufbrechen. Er versuchte sich an der Landreform, die dann zum Konflikt mit den strategischen und wirtschaftlichen Interessen der USA führte. Von der CIA ausgebildete und ausgerüstete Exil-Guatemalteken unter dem Militär Castillo Armas infiltrierten schließlich das Land und putschten gegen Árbenz, der ins Exil floh und die Macht an Armas abgeben musste. Dieser war selbst nur eine Marionette der US-Regierung und machte die Verstaatlichung sofort rückgängig. Die Verfassung wurde suspendiert und alle demokratischen Parteien und Gewerkschaften aufgelöst.

Hauptprotagonisten des Romans sind diese zwei fast vergessenen Personen der Zeitgeschichte, Árbenz und Armas. Vargas Llosas Sympathien gehören dabei eindeutig Jacob Árbenz, dem Sohn eines Schweizers und einer Guatemaltekin, der im Militär Karriere gemacht hatte, politisch liberale Ansichten vertrat und für Freiheit und Demokratie eintrat. Castillo Armas hingegen, der direkte Gegenspieler von Árbenz, wird als mittelmäßiger und unsympathischer Wicht gezeichnet. Alles an ihm ist durchschnittlich bis widerwärtig. Das fängt bei seinem Aussehen an und geht bis zu seiner nur mittelmäßigen Karriere beim Militär. Armas machte Karriere schließlich nur aufgrund seiner Dienstjahre, fiel sonst nicht großartig auf (es scheint Vargas Llosa wichtig zu sein, ob eine Karriere beim Militär brillant oder unscheinbar verläuft, immer wieder weist er auf die unterschiedlich verlaufenen Karrieren von Árbenz und Armas hin- vielleicht besteht sein konservativer Liberalismus in einem festen Glauben an historische Institutionen, so zweifelhaft diese auch in dieser Region sein mögen). Schließlich wurde Armas von den Amerikanern auch nur deshalb als Protagonist für den Staatstreich ausgewählt, weil dieser so mittelmäßig sei, dass man ihn am einfachsten von allen dazu in Frage kommen Kandidaten als eigenes Werkzeug benutzen und drehen könne.

Die Ereignisse, die auf den Putsch folgen, erzählt Vargas Llosa in Form eines spannenden, rasanten Thrillers. Dabei spielen die politisch einflussreiche Geliebte von Armas, die tatsächlich existierte und die Vargas Llosa auch in ihrem amerikanischen Exil interviewte, sowie verschiedene Schergen u.a. des langjährigen Diktators der Dominikanischen Republik, Trujillo, tragende Rollen.              Vargas Llosa hat sich tief in dieses geschichtliche Ereignis eingearbeitet und vermittelt auf gekonnte erzählerische Weise die historischen Fakten.

Nachwehen

Vargas Llosas Geschichte endet nach dem Putsch, das Elend für Guatemala, vor allem für seine indigene Bevölkerung, ging jedoch weiter. Von 1954 bis 1986 regierten Militär und Agraroligarchie. Demokratische Wahlen waren stets Fassade und manipuliert. In den 1960er Jahren lehnten sich schließlich Guerilla-Verbände auf. Die Aufständischen wurden brutal bekämpft, Mitglieder von oppositionellen Parteien, Gewerkschaften und Organisationen systematisch verfolgt und ermordet. Die Counterinsurgency –  Gegenmaßnahmen der Regierungen gegen die Aufständischen – nahm mit den Jahren immer mehr zu, vor allem unter der Herrschaft von Generälen wie Efraín Ríos Montt und Humberto Mejia Victores. Es kam zu Massenvertreibungen von Indigenas, viele von ihnen wurden in sogenannte Modelldörfer umgesiedelt, was der Regierung die Überwachung erleichterte und die Versorgung der Guerilla erschwerte. Ganze Dörfer wurden wegen des Verdachts auf Guerilla-Aktivitäten oder Unterstützung der Guerilla ausgelöscht, zahlreiche Massaker an der indigenen Bevölkerung von Militärs und Paramilitärs verübt. In den 1980er Jahren wurde schließlich jegliche politische Betätigung untersagt, die Presse zensiert, Oppositionelle noch härter verfolgt und bestraft.

Militärisch waren die Guerillas zwar bis 1984 besiegt, doch der Krieg ging bis 1996 mit niedriger Intensität weiter. Angesichts der Zunahme innermilitärischer und wirtschaftlicher Probleme sowie der internationalen Isolation des Regimes, duldete die Regierung 1985 Präsidentschaftswahlen, aus denen der gemäßigte Christdemokrat Vinicio Cerezo als Sieger hervorging. Seine Macht blieb jedoch beschränkt, da die Militärs und das Unternehmertum de facto weiter die Macht innehatten. Immerhin erfolgte unter ihm und seinem Nachfolger die Aufnahme von Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der Guerilla. Der 1995 zum Präsidenten gewählte Alvaro Arzú brachte schließlich die Friedensverhandlungen zum Abschluss, Ende 1996 wurden Friedensverträge zwischen Vertretern der Regierung und der Guerillas unterzeichnet. Hier kam die Agrarreform wieder ins Spiel, die ungerechte Landverteilung war schließlich ein Hauptauslöser für den bewaffneten Konflikt gewesen. Die Landreform sollte den Mayas zugute kommen, die erstmalig überhaupt Anerkennung erfuhren. Leider hat dies bisher nur die rechtliche Konstruktion geändert, nicht die soziale Realität.

Noch immer fehlt es an Partizipation der Mayas in politischen Ämtern oder Institutionen. Politisch motivierte Gewalttaten und Menschenrechtsverstöße sind an der Tagesordnung, die Landfrage ist nicht befriedigend geklärt. Die soziale Ungleichheit wächst, die Kriminalität ist auf dem Höchststand, das Land versinkt unter der Gewalt von Drogenbanden. Jemand wie Jacobo Árbenz, der Hoffnung geben könnte, ist weit und breit nicht in Sicht.

Gut, dass Vargas Llosa die damals so bedeutenden Geschehnisse in Guatemala literarisch verarbeitet hat und so das Land ein bisschen mehr in den Fokus rückt. Auch wenn Guatemala wahrscheinlich nie die Aufmerksamkeit bekommen wird, die es eigentlich verdient – aufgrund der anhaltenden Migrationsströme in Richtung USA, die mit ein Grund dafür sind, dass sich der große Nachbar im Norden auch innenpolitisch zunehmend zersetzt, und wegen seiner Bedeutung als wichtiger Drogenumschlagplatz und Tummelfeld von grenzüberschreitender, organisierter Kriminalität ist es auch von internationalem Interesse, dass die Probleme dort gelöst werden.

Mario Vargas Llosa: „Harte Jahre“. Suhrkamp 2020.

            

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